Vorgestellt: „geistige Gefährdungen“ & Co.

Im August 2017 war (der HerausgeberInnen-Kreis von) linksunten.indymedia verboten worden. Dies war für uns damals Anlaß, die hiesige Webseite einzurichten (siehe 1 und 2). Im November 2019 wurde dann beim Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) die Meldung lanciert, daß nunmehr auch „auch das Portal indymedia.org in den Fokus“ rücke. Gemeint war damit de.indymedia (linksunten. und de. waren bzw. sind zwei unterschiedliche deutschsprachige Subdomains der internationalen Domain indymedia.org).

Anscheinend dies wurde zum Anlaß genommen, die Idee einer dezentralen Struktur sich wechselseitig und außerdem de.indymedia spiegelnder Webseiten zu entwickeln. Schon im April und Juni diesen Jahres wurden – mit Artikeln bei de.indymedia – die beiden Webseiten Offene Medien-Plattform (OMPF) – alle gegen den Faschismus und Leftspace vorgestellt. In dem Artikel, mit dem die erste dieser beiden Seiten vorgestellt wurde, hieß es (wenn auch ohne direkte Bezugnahme auf das Verbot von 2017 und die Verbotsdrohung von 2019): „Unsere Solidarität gegen ihre Repression! […]. Ich möchte mit dieser Seite ein Zeichen der Solidarität mit de.indymedia setzen, und ausserdem eine neue Idee ins Spiel bringen, wie Medienarbeit im www dezentral organisiert werden kann. […]. Potenziell können mit einem dezentralen Ansatz die meisten Probleme bezüglich Zensur und technischen Angriffen gelöst oder zumindest deutlich gelindert werden, wenn eine genügende Anzahl von Servern aufgesetzt wird.“

Während die beiden vorgenannten Seiten nur im Tor-Netzwerk zu erreichen sind, hat sich dgs entschlossen, eine weitere Spiegelung im allgemeinen internet vorzunehmen und die Seite geistige-gefaehrdungen.net eingerichtet; und wir drei haben uns – als Teil unserer Antirepressions- und Soli-Arbeit gegen das linksunten-Verbot – gemeinsam entschlossen, das neue Widget in die hiesige rechte Randspalte aufzunehmen, das die jeweils zehn neusten Artikel, die auf der Seite geistige-gefaehrdungen.net gespiegelt werden, auflistet.

Die technischen Möglichkeiten und Prinzipien des Netzwerkes sehen wie folgt aus:

  • Jede Seite entscheidet selbst, welche anderen Seiten sie spiegelt. Im Moment spiegeln alle drei – OMPF, Leftspace und geistige Gefährdungen – de.indymedia; außerdem spiegeln sich OMPF und Leftspace gegenseitig; geistige Gefährdungen spiegelt OMPF und Leftspace, wird aber selbst nicht gespiegelt, da bei geistige Gefährdungen keine neuen Artikel gepostet werden können.
  • Damit sind wir auch schon bei dem nächsten Punkt: Jede Seite entscheidet selbst, ob sie das Posten neuer Artikel zuläßt oder sich auf das Spiegeln der anderen Seiten beschränkt – also ob sie eine ‚aktive‘ oder eine ‚Soli-Seite‘ sein will.
  • Außerdem besteht auf jeder Seite die Möglichkeit, einzelne Artikel zu löschen. Das ist sowohl dann wichtig, wenn Spam auf einer der anderen Seiten zum Zeitpunkt der jeweiligen Sychronisierung noch nicht gelöscht war als auch wenn unterschiedliche politische Auffassungen darüber auftreten, was jenseits des publizistisch-politischen Minimalkonsens liegt.
  • Bei denjenigen Netzwerk-Seiten, bei denen es möglich ist, zusätzliche Artikel zu posten, sind die auf der jeweiligen Seite zusätzlich geposteten Artikel in der Rubrik „Lokale Timeline“ zu finden (siehe bei Leftspace); unter Posts findet sich die Gesamtheit der lokalen und gespiegelten Artikel.

Zum Schluß sei noch erwähnt, daß an der Netzwerk-Technologie keine bestimmte politische Ausrichtung oder thematische Breite hängt. Sowohl de.indymedia als auch die beiden Torseiten habe zwar eine – im weitesten Sinne – vor allem autonom-anarchistisch/bewegungs-linke Ausrichtung. Außerdem können dort Artikel zur gesamten thematischen Bandbreite gepostet werden.
Aber es wäre technologisch ohne weiteres möglich, eine Netzwerk-Seite einzurichten, die so moderiert wird, daß dort ausschließlich solche zusätzlichen Artikel, die eine bestimmte Region oder ein bestimmtes Themengebiet betreffen, veröffentlicht werden. Genauso könnte die Vorgabe gemacht werden, daß auf einer bestimmten Netzwerk-Seite z.B. vor allem Artikel zu Fragen der Strategie & Theorie veröffentlicht werden sollen, während Aktionsberichte vielleicht besser auf den anderen Netzwerk-Seiten aufgehoben wäre.
Dies wäre aber nur eine Entscheidung für die eigene lokale Timeline; denn die Grund-Idee ist ja gerade das wechselseitige Spiegeln – und der dadurch bewirkte technische Schutz gegen Angriffe auf einzelne Netzwerk-Teile.
Prinzipiell möglich wäre auch, eine Seite (was die ‚Zusatz-Artikel‘ [und ggf. auch die Löschungspraxis gegenüber gespiegelten Artikeln anbelangt]) speziell einer bestimmten – sagen wir beispielsweise: rätekommunistischen, maoistischen oder linkssozialdemokratischen – Ausrichtung zu widmen. Die Frage wäre dann allerdings, ob die anderen Seiten dann (insbesondere, falls auch die gespiegelten Artikel politisch selektiert würden) ihrerseits zum Spiegeln bereit sind.
Umgekehrt könnte auch ein strömungs-übergreifendes Moderationskollektiv (für eine weitere Netzwerk-Seite), das breiter zusammengesetzt ist als die ModeratorInnen und AutorInnen von de.indymedia, gebildet werden. Dies wäre eindeutig das politisch anspruchsvollere Projekt, da sich dafür strömungs-übergreifend auf gemeinsame Moderationskriterien geeinigt werden müßte.
Grundsätzlich kommen also zwei Ansätze in Betracht:

  • In dem einen Fall wäre die Dezentralität vor allem eine technische Dezentralität verschiedener Server (sowohl im allgemeinen internet als auch im Tor-Netzwerk), während sich inhaltlich-politisch eine Netzwerk-Seite – aufgrund allseitig begrüßter, linkspluralistischer Moderationspraxis – zur zentralen entwickelt würde. (Das würde allerdings auch bedeuten, daß sich das staatliche Repressionsinteresse wahrscheinlich schnell auf dieses Moderationskollektiv fokussieren würde.)
    Die inner-linke Pluralität wäre in diesem Fall eine inner-linke Pluralität dieses (einen / Haupt-)Moderationskollektivs.
  • In dem anderen Fall würde sich – wenn alle lokalen Timelines mehr oder minder strömungs-spezfisch, die Spiegelungspraxis aber trotzdem strömungs-übergreifend plural wäre – eine inner-linke Pluralität nicht (nur) durch die Pluralität eines Moderationskollektivs, sondern auch durch eine Pluralität von Moderationskollektiven herstellen.

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