[B] Eine revolutionär-feministische Perspektive auf die „linksradikale, queerfeministische Perspektive“ (von Samstag) auf den 8. März

Der Artikel erschien am 11.03.2014 unter der Adresse: https://linksunten.indymedia.org/de/node/108153.

Hier werden die .pdf-Version, die an den Artikel angehängt war, und – aus dem google-Cache Stand vom 5. Aug. 2017 01:04:50 GMT – die acht Kommentare, die unter dem Artikel erschienen waren, wieder zugänglich gemacht.

http://tap2folge.blogsport.eu/files/2018/10/rev_fem_vs_queerfem_fin.pdf

Ein Gedanke zu „[B] Eine revolutionär-feministische Perspektive auf die „linksradikale, queerfeministische Perspektive“ (von Samstag) auf den 8. März“

  1. Wow, der beste Text, den ich von dir gelesen habe.
    Verfasst von: anonym. Verfasst am: Di, 11.03.2014 – 23:14.

    Es reicht bei weitem nicht, immer nur alles „mit[zudenken] und [zu] reflektier[en]“ und mit allen – oder fast allen – solidarisch zu sein. Manchmal ist es notwendig, eine Wahl zu treffen, eine Entscheidung zu treffen: und zwar nicht nur gegenüber Maskulisten, FundamentalistInnen aller möglichen Religionen, Faschisten und Faschistinnen (dem dürften sogar QueerfeministInnen zustimmen), sondern manchmal – und nur allzu oft – ist es sogar erforderlich, eine Entscheidung, eine Wahl zwischen unterschiedlichen feministischen Positionen zu treffen.

    Ich glaube, du realisierst nicht die Konsequenz dieses Gedankens für QueerfeministInnen: Würden sie das so unterschreiben, würde ihre ganze Argumentationslinie zusammenbrechen. In ihrer moralisierender Argumentation bedienen sie sich den verschiedenen Minderheiten, die sie für ihre Identitätspolitik instrumentalisieren: Dort heißt es dann, „hört auf die Betroffenen“, „sie ist eine PoC, deshalb ist es rassistisch, ihr zu widersprechen“. (Dass die entsprechenden Betroffenen natürlich sehr selektiv ausgewählt sind, so dass deren Position wundersamerweise immer identisch ist, mit der der QueerfeministInnen, die solche Sachen von sich geben, ist wohl jedem mit einem Fünkchen Intelligenz klar. Es ist also nichts weiter als ein perfides, arschlochmäßiges Durchsetzen der eigenen Position.)

    Wenn QueerfeministInnen akzeptieren würden, dass es unterschiedlichste progressive Positionen zu Feminismus oder Rassismus geben, die gleichberechtigt nebeneinander stehen, dann müssten sie politisch argumentieren und können nicht einfach auf ihre Freunde zeigen und sagen: „Aber die PoC finden das rassistisch“, weil es dann nicht mehr DIE PoC gibt, sondern Menschen, die sicherlich sozial unterschiedlich positioniert sind, aber aus deren Verortung nicht die eine richtige politische Haltung folgt. Das heißt, würde deine Erkenntnis, sich auch in den Seminarräumen der HU verbreiten, dann wäre der aktuelle Queerfeminismus in weiten Teilen erledigt.

    Ich setze deinen Schlussatz ans Ende, weil er alles auf den Punkt bringt:

    weil der Queerfeminismus in gar keinem Analyse- und politischen Kampfbereich wirklich in die Tiefe geht, sondern – außer letztlich moralischen Postulaten – immer nur betont, daß alles mit allem zusammenhängt – was wahr ist, aber sicher zu wenig ist, um die Welt zu verstehen und zu verändern.

    —–

    @ anonym / Konsequenz des Gedankens
    Verfasst von: TaP. Verfasst am: Mi, 12.03.2014 – 01:42.

    Ich fürchte meinerseits, daß Du vielleicht etwas mehr aus meinem Text herausliest, als ich hineinschreiben wollte. – Aber auf alle Fälle hast Du die Grundtendenz meiner Argumentation so verstanden, wie ich sie verstanden wissen wollte.

    Ich würde jetzt nur drei Dinge noch ergänzen wollen:

    Der von Dir herausgehobene Punkt ist m.E. kein spezifischer Mangel des Queerfeminismus, sondern er hat ihn u.a. von bestimmten – vermutlich sogar: den dominierenden – Marxismus-Lesart übernommen: Das Proletriat nicht nur als Subjekt der Geschichte (was auch schon problematisch ist), sondern auch der Erkenntnis; Parteilichkeit nicht nur in der Politik und Philosophie (was richtig ist), sondern auch in den Wissenschaften (was falsch ist).
    Das ist die Traditionslinie, die vom jungen Marx selbst über Lukàcs und Bogdanow bis zur Konzeption der „Proletarischen Wissenschaft“ unter Stalin (Lyssenko-Affäre) reicht. Außerhalb des Marxismus traten dann bei Karl Mannheim die „freischwenden Intellektuellen“ in die Position des privilegierten Erkenntnissubjektes. Wie waren die Kritischen TheoretikerInnen bei Horkheimer und Adorno soziologisch bestimmt? Bei Marcuse waren es die Randgruppen.
    Dann wurden es die Schwarzen und die Frauen; und im Queerfeminismus sind es heutzutage alle möglichen Betroffenen.
    In alldiesen Konzeptionen gehen politische Richtigkeit/Parteilichkeit und wissenschaftliche Wahrheit fließend in einander über. In alldiesen Konzeptionen wird ein epistemologischer Materialismus (Verhältnis Erkenntnis – Erkenntnisobjekt) durch einen soziologistischen Materialismus (Verhältnis ‚Erkenntnis‘ – ‚Erkenntnis’subjekt) ersetzt. Vgl. dazu: http://theoriealspraxis.blogsport.de/2009/11/07/konvergenzen-des-wissens….
    M.E. wär es völlig falsch, sich den Queerfeminismus diesbzgl. zur Brust zu nehmen; aber die entsprechenden Marxismus-Varianten zu schonen.
    Allerdings gibt in dem Zusammenhang schon einen spezfischen Kritikpunkt in Bezug auf den Queerfeminismus: So ein bißchen wollen die meisten Queerfeministinnen ja schon identitäts-kritisch sein und die meisten tragen Anti-Essentialismus als hohen Anspruch vor sich her. – Aber im hier interessierenden Zusammenhang vertreten sie eine völlig essentialistische Konzeption hinsichtlich des Zusammenhangs von Subjekt einerseits und Richtigkeit/Wahrheit andererseits.

    Hinsichtlich politischer Richtigkeit würde ich nun allerdings – wenn auch mit einer starken Abschwächung und einer Verkomplizierung – an einem ziemlichen engen Zusammenhang von Subjekt und Richtigkeit festhalten: ‚Die Befreiung der ArbeiterInnenklasse kann nur das Werk der ArbeiterInnen selbst sein.‘ Das bleibt m.E. richtig; und entsprechend auch hinsichtlich der Frauen und Schwarzen. – Nun die starke Abwächung: Es ist keinesfalls sicher, daß sie sich befreien werden; und es ist nicht einmal sicher, daß sich irgendwann einmal befreien werden wollen… – im Moment sieht es bei der großen Masse eher nicht danach aus. – Und daraus ergibt sich zugleich die Verkomplizierung: Die Lohnabhängigen, die Frauen, die Schwarzen – das sind alles keine homogenen (Kollektiv)subjekt (das betonen ja auch Queerfeministinnen; nur scheinen es mir viele nicht richtig ernstzunehmen). Und deshalb kann ‚Die Befreiungen der ArbeiterInnenklasse kann nur … [usw.]‘ nur eine generelle anti-paternalistische Leitlinie sein, aber es stellt keine unmittelbare Handlungsanleitung dar. – Am Selberdenken und am politischen Linienkampf auch innerhalb dieser gesellschaftlichen Gruppen führt kein Weg vorbei. – Der Weltgeist ist weder proletarisch noch queerfeministisch, sondern existiert nicht.

    Schließlich noch ein pragmatischer, aber wichtiger Gesichtspunkt: Auch wenn die Wahrheit weder bei den „Unterdrückten“ noch bei den Beherrschten und Ausgebeuten liegt, so ist es doch in bestimmten Kontexten politischen sinnvoll, von der Fiktion auszugehen, sie läge bei den Beherrschten und Ausgebeuteten – und zwar als Kompensation eines Machtgefalles.
    Ich würde Dir also zustimmen, der Satz, „sie ist eine PoC, deshalb ist es rassistisch, ihr zu widersprechen“, ist Quatsch. Trotzdem ist m.E. in bestimmten Situationen sinnvoll (nicht als ‚Erkenntnis‘-Leitlinie, aber) als Handlungs-Leitlinie so zu tun, als sei dieser Satz kein Quatsch. – Bspw. bin ich entschiedene AnhängerIn des Konzeptes des weiblichen Definitionsmacht, in Bezug darauf, ob eine Vergewaltigung vorgefallen ist. – Dies nicht als staatlicher Strafmechanismus, aber politischer Selbstregulierungs-Mechanismen von sich als emanzipatorisch verstehenden Zusammenhängen. Siehe dazu die dortige Diskussion: http://maedchenblog.blogsport.de/2010/08/06/nichts-kapiert/.

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    Verfasst von: anonym. Verfasst am: Mi, 12.03.2014 – 12:41.

    Der von Dir herausgehobene Punkt ist m.E. kein spezifischer Mangel des Queerfeminismus, sondern er hat ihn u.a. von bestimmten – vermutlich sogar: den dominierenden – Marxismus-Lesart übernommen: Das Proletriat nicht nur als Subjekt der Geschichte (was auch schon problematisch ist), sondern auch der Erkenntnis; Parteilichkeit nicht nur in der Politik und Philosophie (was richtig ist), sondern auch in den Wissenschaften (was falsch ist).
    Das ist die Traditionslinie, die vom jungen Marx selbst über Lukàcs und Bogdanow bis zur Konzeption der „Proletarischen Wissenschaft“ unter Stalin (Lyssenko-Affäre) reicht. […] Bei Marcuse waren es die Randgruppen. Dann wurden es die Schwarzen und die Frauen; und im Queerfeminismus sind es heutzutage alle möglichen Betroffenen. […]
    M.E. wär es völlig falsch, sich den Queerfeminismus diesbzgl. zur Brust zu nehmen; aber die entsprechenden Marxismus-Varianten zu schonen.

    Zum einen sehe ich nicht, dass dieser Arbeiterbewegungs-Marxismus noch irgendwo wirkmächtig ist. Zumindest nicht in Deutschland. Ganz anders der Queerfeminismus, der über die Grüne Parteistiftung und die zahlreichen linksliberalen Gender/Ethnologie-Lehrstühle zuerst in die Hirne der Studis und darüber auch in die linke Szene gebracht wird. Die queerfeministischen Studis denken dann, linksradikal sei es, ein wenig radikaler zu klingen als ihre Professorinnen, ohne zu bemerken, dass es damit grundsätzlich nicht mehr viel zu tun hat. Sich den Queerfeminismus zur Brust zu nehmen und dafür zu kritisieren, dass er vorangig dafür verantwortlich ist, dass „radikale“ Linke nur noch die besseren Antidiskriminierungsbeauftragten sein wollen, ist relevanter als eine Kritik an der MLPD ihrer Arbeitertümelei wegen.

    Aber du liegst mit deiner These auch grundsätzlich daneben: Bei Lukács ging es nicht darum, dass jeder Proletariar zu jeder ihn betreffenden Frage richtiger liegt als der Bourgeois. Die Standpunkt-Theorie bei Lukács war eine in aller Vorsicht behauptetes Erkenntnisprivileg, das sich nicht in einzelnen Subjekten manifestiert, sondern als Klassenbewusstsein in den Tagen der Revolution. Abgesehen davon, dass es nicht zwingend entsteht und er sich auch davon später distanziert hat, ist das etwas völlig anderes als die (queer)feministische Standpunkttheorie.

    Die Befreiung der ArbeiterInnenklasse kann nur das Werk der ArbeiterInnen selbst sein.‘ Das bleibt m.E. richtig; und entsprechend auch hinsichtlich der Frauen und Schwarzen.

    Bliebe nur die Frage übrig, was denn Befreiung innerhalb des Kapitalismus sein soll: Mehr Kitas, mehr Gender-Stipendien, Gleichstellungsbeauftragte für jede Klitsche? Das, was du Befreiung nennst, ist der Kampf von Interessengruppen um Geld und Einfluss. Das ist niemandem zu verdenken, aber das soll Befreiung sein?

    Auch wenn die Wahrheit weder bei den „Unterdrückten“ noch bei den Beherrschten und Ausgebeuten liegt, so ist es doch in bestimmten Kontexten politischen sinnvoll, von der Fiktion auszugehen, sie läge bei den Beherrschten und Ausgebeuteten – und zwar als Kompensation eines Machtgefalles.
    Ich würde Dir also zustimmen, der Satz, „sie ist eine PoC, deshalb ist es rassistisch, ihr zu widersprechen“, ist Quatsch. Trotzdem ist m.E. in bestimmten Situationen sinnvoll (nicht als ‚Erkenntnis‘-Leitlinie, aber) als Handlungs-Leitlinie so zu tun, als sei dieser Satz kein Quatsch. – Bspw. bin ich entschiedene AnhängerIn des Konzeptes des weiblichen Definitionsmacht, in Bezug darauf, ob eine Vergewaltigung vorgefallen ist.

    Die Definitionsmacht scheint mir auch Pate zu stehen, bei dieser queerfeministischen Verfallsform der Standpunkttheorie. Deine Argumentation halte ich hier für abstrus. Zur Kompensation eines Machtgefälles lügt man sich selber in die Tasche? Die Definitionsmacht bezieht sich ursprünglich auf Situationen, die nur zwei Personen erlebt haben und sie ist deshalb entstanden, weil nur die Schilderung des Mannes juristisch relevant war: Die Frau konnte eine Vergewaltigung benennen, sofern der Mann nicht gestand, sondern widersprach musste er in den 1970er Jahren in der Regel in dubio pro reo freigesprochen werden. Einfach weil Aussage gegen Aussage stand und dann im Zweifel für den Angeklagten entschieden wird.

    Das ist aber keine Frage des erkenntnistheoretischen Standpunktes von Frau und Mann. Die Definitionsmacht gibt es nicht deshalb, weil eine Frau besser in der Lage wäre, eine Vergewaltigung als solche zu erkennen, sondern weil der Täter für gewöhnlich aus Eigeninteresse lügt und damit zumindest früher durchkam.

    Was du machst, ist genau diese gefährliche Verknüpfung von Definitionsmacht und Standpunkttheorie, die du bei QueerfemistInnen richtigerweise kritisierst. Demgegenüber würde ich behaupten, dass man Definitionsmacht auch anders begründen kann, ohne von Fiktionen und falschen Voraussetzungen auszugehen.

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    Verfasst von: DGS_TaP. Verfasst am: Do, 13.03.2014 – 02:48.

    I. Weder Queerfeminismus noch Partei-Marxismus!

    „Zum einen sehe ich nicht, dass dieser Arbeiterbewegungs-Marxismus noch irgendwo wirkmächtig ist.“

    Ja, sagen wir so, der ‚linksradikale Queerfeminismus‘ ist jetztzeitiger und ‚organischer’/intensiver mit seinem auch subjektiv linksliberalen Umfeld verbunden, als der sich als revolutionär verstehende ‚ArbeitERbewegungs-Marxismus‘ mit seinem sozialdemokratischen Umfed.

    Trotzdem gibt es in der BRD sicherlich sehr viel mehr StalinistInnen, PoststalinistInnen, TrotzkistInnen u.ä. als Querfeministinnen (-en). Jedenfalls mir ist wichtig, daß meine Kritik am ‚linksradikalen Queerfeminismus‘ weder mit der Position der MLPD noch mit der Kritik der GAM an dem, was sie für „Dekonstruktion“ hält (http://www.nao-prozess.de/blog/zur-frage-der-ueberwindung-der-geschlecht… – leider hatte ich es damals zeitlich nicht geschafft, darauf zu antworten; vielleicht hole ich das demnächst im Kontext der jetzigen Debatte nach), verwechselt wird.

    Zu meiner Kritik am ‚Traditions-Marxismus‘ siehe bspw.: http://www.nao-prozess.de/blog/absage-an-den-parteimarxismus/.

    II. Lukàcs / Standpunkt-Theorien

    Hier im Detail die Nuancen-Unterschiede zwischen verschiedenen Standpunkt-Theorien zu diskutieren, würde – fürchte ich – wohl etwas weit vom Ausgangsthema wegführen (falls wir diesen Aspekt dennoch weiterführen wollen, würde ich vorschlagen, dies unter meinem ‚Relativismus‘-Artikel zu tun: http://theoriealspraxis.blogsport.de/2009/11/07/konvergenzen-des-wissenschaftstheoretischen-relativismus/).

    Daher an dieser Stelle nur dazu etwas:

    „Die Standpunkt-Theorie bei Lukács war eine in aller Vorsicht behauptetes Erkenntnisprivileg, das sich nicht in einzelnen Subjekten manifestiert, sondern als Klassenbewusstsein in den Tagen der Revolution.“

    Daß der lukàcsiansche Ansatz kollektiver und revolutions-bezogener war als der queerfeminstische ist, würde ich teilen – nur machte diese Lukàcs‘ Annahmen m.E. noch spekulativer.

    III. „Befreiung“

    „Bliebe nur die Frage übrig, was denn Befreiung innerhalb des Kapitalismus sein soll: Mehr Kitas, mehr Gender-Stipendien, Gleichstellungsbeauftragte für jede Klitsche? Das, was du Befreiung nennst, ist der Kampf von Interessengruppen um Geld und Einfluss. Das ist niemandem zu verdenken, aber das soll Befreiung sein?“

    1. „Befreiung“ – das war ja nur ein Marx-Zitat. Ich stehe dem Wort genauso skeptisch gegenüber, wie seinem Komplementär- (Ergänzungs-)Begriff „Repression“ (s. zu letzterer Skepsis noch mal: http://theoriealspraxis.blogsport.de/index.php?s=Meulenbelt+Foucault#fn1252751639938n).

    2. „Mehr Kitas, mehr Gender-Stipendien, Gleichstellungsbeauftragte für jede Klitsche“ – nein, alldies und ähnliches bedeutet sicherlich nicht das Ende des Patriarchats. – Das Patriarchat läßt sich – ähnlich wie der Kapitalismus nur durch eine sozialistische Revolution, letztlich (da der Sozialismus eine Kombination von Elementen der kapitalistischen und kommunistischen Produktionsweise ist) sogar nur durch den Kommunismus – nur durch eine feministische Revolution überwinden.

    3. Dagegen ist von einer ausschließlich sozialistischen / antikapitalistischen, aber nicht auch ausdrücklich feministischen Revolution hinsichtlich Überwindung des Patriarchats wenig zu erwarten.

    IV. Definitionsmacht / Vergewaltigungsprozesse

    1. „Die Definitionsmacht scheint mir auch Pate zu stehen, bei dieser queerfeministischen Verfallsform der Standpunkttheorie. Deine Argumentation halte ich hier für abstrus.“ – Inwiefern? – Aber auch das sollten wir vielleicht nicht hier, sondern unter dem alten Artikel beim Mädchenblog weiter diskutieren: http://maedchenblog.blogsport.de/2010/08/06/nichts-kapiert/. – Das dort damals von mir zitierte Papier zu Definitionsmacht gibt es an der damaligen Stelle nicht mehr, aber inzwischen dort: http://asbb.blogsport.de/2008/03/23/when-my-anger-starts-to-cry/.

    2. „Zur Kompensation eines Machtgefälles lügt man sich selber in die Tasche?“ – Nein, eine Fiktion ist keine Lüge, nicht einmal eine Unwahrweit, sondern eine Fiktion ermöglicht ein Handeln auf hypothetischer Grundlage. – Ich mache jetzt auch mal eine riskante Hypothese: Ich vermute, daß ich ziemlich viel von dieser Argumentation: http://www.jstor.org/discover/10.2307/40601580?uid=3737864&uid=2129&uid=2&uid=70&uid=4&sid=21103646716687 teile (obwohl ich sie noch nicht gelesen habe und obwohl Kelsen sowohl Kantianer als auch Sozialdemokrat war).

    3. „Die Frau konnte eine Vergewaltigung benennen, sofern der Mann nicht gestand, sondern widersprach musste er in den 1970er Jahren in der Regel in dubio pro reo freigesprochen werden. Einfach weil Aussage gegen Aussage stand und dann im Zweifel für den Angeklagten entschieden wird.“ – Daran hat sich seitdem weder de jure noch de facto etwas geändert. – Siehe de facto bspw. den Kachelmann-Prozeß; und de jure wurde zwar die Vergewaltigungs-Definition seit den 1970er Jahren ausgeweitet, aber die strafrechtlichen Beweislast-Regeln wurden diesbzgl. nicht geändert.

    4. „Die Definitionsmacht gibt es nicht deshalb, weil eine Frau besser in der Lage wäre, eine Vergewaltigung als solche zu erkennen, sondern weil der Täter für gewöhnlich aus Eigeninteresse lügt und damit zumindest früher durchkam.“ – Ich würde sagen „weder – noch“: Meines Erachtens geht es um zwei Punkte:

    a) Vergewaltigung heißt Bruch des Willens der vergewaltigten Person, keinen Sex gewollt zu haben. – Ungeachtet der Möglichkeiten von Psycho-Gutachten ist die fragliche Person zunächst einmal die Erkenntnisquelle Nr. 1 über ihren eigen Willen.

    (Nur der Genauigkeit halber: Von der Frage, welche Willen die Person hatte, ist die Frage zu unterscheiden, ob es ihr in der Situation auch möglich war, ihren Willen zu artikulieren und ob sie diese Möglichkeit genutzt hat.)

    b) aa) Das eine ist, daß TäterInnen generell geneigt sind, ihre Tat zu leugnen (Ausnahme: politisch motivierte TäterInnen, die mit ihrem Tatbekenntnis ein politisches Statement verbinden). – Das (die Leugnungs-Neigung von TäterInnen) ist meines Erachtens kein Grund von der Regel in dubio pro reo (im Zweifel für den Angeklagten) abzuweichen.

    bb) Im Falle von Vergewaltigungen in patriarchalen Gesellschaften haben wir es aber noch mit einem zweiten Umstand zu tun – nämlich dem, daß die Kommunikationssituation zwischen Frauen und Männern verzerrt ist (entsprechend in rassistischen Gesellschaften zwischen Schwarzen und Weißen, usw.). – Diese Verzerrung der Kommunikationssituation will, soll und kann das Konzept der Definitionsmacht m.E. (teilweise) ausgleichen.

    Nachbemerkung:

    Am Queerfeminismus und ähnlichen Ansätzen ist nicht zu kritisieren, daß sie jene Verzerrung der Kommunikationssituation thematisieren, sondern daß sie dazu neigen, gesellschaftliche Verhältnisse auf eine Verzerrung von Kommunikationssituationen zu reduzieren.

    —–

    Besser spät als nie noch ein paar Anmerkungen
    Verfasst von: anonym. Verfasst am: Sa, 15.03.2014 – 18:31.

    Trotzdem gibt es in der BRD sicherlich sehr viel mehr StalinistInnen, PoststalinistInnen, TrotzkistInnen u.ä. als Querfeministinnen (-en).

    So sicher wäre ich mir da nicht, aber Relevanz ist ja in keinster Weise eine quantitative Frage. Die MLPD, die seit mehr als 10 Jahren zu fünft jede Woche eine Montagsdemo veranstaltet, hat die Relevanz eines Reissacks, mag sie auch mehr Mitglieder haben als alle queerfeministischen Gruppen zusammen.

    Daß der lukàcsiansche Ansatz kollektiver und revolutions-bezogener war als der queerfeminstische ist, würde ich teilen – nur machte diese Lukàcs‘ Annahmen m.E. noch spekulativer.

    Ich würde das umgekehrt sehen: Der kollektivere Ansatz erlaubt eben auch Abweichungen. Der platt-individualistische Ansatz der QueerfeministInnen kann Abweichungen nicht mitdenken, weil sonst ihre moralisierende Argumentation in sich zusammenbricht. Wenn ein Schwarzer sagt: „Mich stört es nicht, wenn Wörter wie Neger irgendwo auftauchen, mich stört es nur, wenn ich damit beleidigt werde“, dann können all die Queerfeministen nicht mehr mit „Aber die Betroffenen“ kommen, um ihre „N-Wort“-Ideologie durchzusetzen.

    2. „Zur Kompensation eines Machtgefälles lügt man sich selber in die Tasche?“ – Nein, eine Fiktion ist keine Lüge, nicht einmal eine Unwahrweit, sondern eine Fiktion ermöglicht ein Handeln auf hypothetischer Grundlage.

    Eine Fiktion ist keine Lüge, eine Fiktion als Realität hinzustellen, ist eine und ein Handeln auf hypothetischer Grundlage macht nur dort Sinn, wo man es nicht besser weiß. Deshalb kann ich mit deiner Überlegung immer noch nicht viel anfangen.

    3. „Die Frau konnte eine Vergewaltigung benennen, sofern der Mann nicht gestand, sondern widersprach musste er in den 1970er Jahren in der Regel in dubio pro reo freigesprochen werden. Einfach weil Aussage gegen Aussage stand und dann im Zweifel für den Angeklagten entschieden wird.“ – Daran hat sich seitdem weder de jure noch de facto etwas geändert. – Siehe de facto bspw. den Kachelmann-Prozeß; und de jure wurde zwar die Vergewaltigungs-Definition seit den 1970er Jahren ausgeweitet, aber die strafrechtlichen Beweislast-Regeln wurden diesbzgl. nicht geändert.

    Die Beweislast-Regeln wurden nicht geändert, aber die Beweismöglichkeiten (DNA, auf Vergewaltigungen spezialisierte Gutachter) und die Taten werden nicht mehr verharmlosend behandelt. Da liegt sicher noch viel im Argen, aber der Zustand ist weit besser als in den 1970ern. Und zum Thema Kachelmann: Wenn sich eine Frau, sich im Internet informiert, wie man am besten Vergewaltigungsverletzungen inszeniert (blaue Flecken an den Oberschenkeln etc.) und zwei Wochen später eine solche anzeigt, dann bin ich ganz froh, dass auch in diesem Fall in dubio pro reo gilt. Deshalb halte ich den Fall Kachelmann für ein Paradebeispiel dafür, warum uneingeschränkte Definitionsmacht keine sonderlich gute Idee ist.

    —–


    Verfasst von: DGS_TaP. Verfasst am: Mo, 17.03.2014 – 03:18.

    1. MLPD – Queerfeministinnen

    „Die MLPD, die seit mehr als 10 Jahren zu fünft jede Woche eine Montagsdemo veranstaltet, hat die Relevanz eines Reissacks, mag sie auch mehr Mitglieder haben als alle queerfeministischen Gruppen zusammen.“

    Ja, da sind wir uns einig. Siehe oben: „der ‚linksradikale Queerfeminismus‘ ist jetztzeitiger und ‚organischer’/intensiver mit seinem auch subjektiv linksliberalen Umfeld verbunden, als der sich als revolutionär verstehende ‚ArbeitERbewegungs-Marxismus‘ mit seinem sozialdemokratischen Umfed.“

    2. Lukàcs

    Ich:

    „Daß der lukàcsiansche Ansatz kollektiver und revolutions-bezogener war als der queerfeminstische ist, würde ich teilen – nur machte diese Lukàcs‘ Annahmen m.E. noch spekulativer.“

    Du:

    „Der kollektivere Ansatz erlaubt eben auch Abweichungen. Der platt-individualistische Ansatz der QueerfeministInnen kann Abweichungen nicht mitdenken, […]“

    Ja, das finde ich schon plausibel. Mit „spekulativ“ meine ich bei Lukàcs die Vorstellung: ‚Irgendwann kommt die finale kapitalistische Krise und dann ist das >zugerechnete< proletarische Klassenbewußtsein nicht mehr nur zugerechnet, sondern wird Wirklichkeit.‘

    Ich gehe dagegen davon aus: Die wirkliche Geschichte wird sich nicht danach richten, was sich irgendwelche GeschichtsphilosophInnen im voraus ausdenken; und: innerhalb von gesellschaftlichen Gruppen wird es immer politische Fraktionierungen geben – auch im Moment der vermeintlichen Erleuchtung durch die (vermeintlich) finale Krise (sei es das Kapitalismus oder von was auch immer).

    3. „wo man es nicht besser weiß.“

    „ein Handeln auf hypothetischer Grundlage macht nur dort Sinn, wo man es nicht besser weiß.“

    Ja, aber jedenfalls solange Herrschaft und Ausbeutung existieren, können wir uns niemals sicher sein, ‚es‘ besser zu wissen, als hypothetisch. Denn die Wahrheitssuche ist immer schon durch ein Machtgefalle verzerrt. Deshalb bin ich für DefMa als Versuch, dieses Machtgefälle zumindest teilweise ausgleichen.

    4. DNA- und andere Vergewaltigungsbeweise / Kachelmann

    a)

    „die Beweismöglichkeiten (DNA, auf Vergewaltigungen spezialisierte Gutachter) und die Taten werden nicht mehr verharmlosend behandelt.“

    Was beweist eine DNA? Allenfalls, daß zwei Personen am gleichen Ort waren und – je nach gefundendem DNA-Material – daß Körperflüssigkeiten flossen. – Nun geschehen ja aber die meisten Vergewaltigungen im sozialen Nahbereich der Opfer, und es ist meist gar nicht strittig, daß sich Täter und Opfer am gleichen Ort befanden und daß sexuelle Handlungen stattfanden.

    Strittig ist vielmehr, ob diese Handlungen einvernehmlich waren, und da hilft Dir DNA gar nicht. – Und so war’s doch auch im Fall Kachelmann, oder? (Ich habe jetzt nicht noch mal nachrecherchiert, sondern mich auf meine Erinnerung verlassen.)

    Und hinsichtlich der Einvernehmlichkeits-Frage hat sich nach meinem Eindruck nicht wirklich etwas an der männlich-projektiven Unterstellung von Einverständnis geändert: Mit einander nett reden / flirten wird als Einverständnis mit einander unter einer Bettdecke zu liegen gewertet; unter einer Bettdecke zu liegen, wird als Einverständnis mit Sex gewertet; Einverständnis mit dieser oder jener Sexpraktik wird als Einverständnis mit allen denkbaren anderen Sexpraktiken gewertet; und selbst wegen Drogenkonsum nicht zurechnungsfähig zu sein, wird als Einverständnis gewertet…

    Und die gleichen Mechanismen von Schuldumkehr und Viktim Blaming, wie schon in den 70er Jahren und noch früher, sind am Werk. – Und weil das da thematisiert worden ist, fand ich die Slutwalks 2012 (s. http://theoriealspraxis.blogsport.de/tag/slutwalks/) viel besser als die Berliner 8. März-Demo 2014 – auch wenn schon die Slutwalks gemischte Demos waren.

    b)

    „Wenn sich eine Frau, sich im Internet informiert, wie man am besten Vergewaltigungsverletzungen inszeniert (blaue Flecken an den Oberschenkeln etc.)“

    aa) Der grundlegende Fehler ist schon, darauf abzustellen, ob der Wille der Frau gewaltsam (blaue Flecken etc.) gebrochen wurde – der entscheidende Punkt ist vielmehr, daß der Wille des Opfers gebeugt wurde – egal mit welchem Mittel.

    bb) Warum sollte eine Frau ein Interesse an einer solchen Inszenierung haben?! – In der Regel erleidet sie sogar mit wahrheitsgemäßen Angaben in Patriarchaten Schiffbruch.

    Klar sind Ausnahmefälle denkbar, in denen sich Frauen wegen einer außer-sexuellen Verletzung mittels einer Vergewaltigungsbeschuldigung rächen oder wegen ‚bösen Charakters‘ eine falsche Vergewaltigungsbeschuldigung aussprechen. – Aber diese beiden Fälle sind doch hundertmal mehr hypothetisch, als die Annahmen,

    daß wir in einer patriarchalen Gesellschaft leben
    daß in einer patriarchalen Gesellschaft die Kommunikationsverhältnisse zwischen Frauen und Männern durch Macht verzerrt sind

    und

    daß deshalb in emanzipatorischer Perspektive ein Versuch des institutionellen bzw. strukturellen Ausgleichs geboten ist.

    —–

    Danke
    Verfasst von: anonym. Verfasst am: Mi, 12.03.2014 – 12:27.

    Cool, damit kommt vielleicht auch in Berlin mal ein Stein ins Rollen.

    Hier ein Text, der ähnliche Konflikte im Bezug auf Rasse führt (lest die Zusammenfassung im Text um einen besseren Einblick zu bekommen):

    https://linksunten.indymedia.org/node/107465

    —–

    @ verlinkter Text
    Verfasst von: DGS_TaP. Verfasst am: Mi, 12.03.2014 – 20:09.

    Ich kam noch nicht dazu, den Text komplett und in Ruhe zu lesen, kann aber schon mal sagen, daß ich – abgesehen von dem Wort „Unterdrückung“ [1] – mit der auf S. 7 f. angekündigten Stoßrichtung einverstanden bin:

    „Wir kritisieren, wie vorherrschende Formen von Anti-Unterdrückungsaktivismus handlungsunfähig gemacht wurden – durch eine unhinterfragte Rhetorik des Überprüfens individueller ‚Privilegien‘, durch eine therapeutische Idealisierung von „Kultur“ und kommunaler Herkünfte und schließlich durch die Unterstellung, dass Identitätskategorien homogene ‚communities‘ mit geteilten politischen Vorstellungen beschreiben. Wir argumentieren, dass diese Praktiken unhinterfragt zu lassen, die Ernsthaftigkeit und den strukturellen Charakter von identitätsbasierter Unterdrückung in den US minimiert und verdreht.

    Beispielsweise im Hinblick auf den dominanten Diskurs über ‚weiße Privilegien‘ ist weiße Herrschaft vorwiegend eine psychologische Attitüde, welche Individuen einfach aufgeben könnten, anstatt eine verwurzelte materielle Infrastruktur, welche Rasse an Schlüsselpositionen durch die Gesellschaft hindurch reproduziert – von rassistisch segmentierten Arbeitsmärkten bis zur Militarisierung der Grenzen. Weißsein wird lediglich eine weitere ‚Kultur‘ und weiße Herrschaft eine psychologische Haltung anstatt einer strukturellen Position der Dominanz – bestärkt durch Institutionen, ziviler und Polizeigewalt, dem Zugang zu Ressourcen, sowie der Wirtschaft. Gleichzeitig ist die Kritik an ‚weißen Privilegien‘ zu einer Art Deckmantel geworden: konfrontativer, störender Protest jeglicher Art wird reflexiv verurteilt, während der Fokus auf das Reformieren des Verhaltens und der Überzeugungen von Individuen zurückgeschoben wird. Wir behaupten, dass die Privilegienpolitiken schlussendlich in einer idealistischen Theorie der Macht wurzeln, welche die psychologische Attitüde von Individuen als den Ursprungskern der Unterdrückung und Ausbeutung darstellt und bekräftigt, dass schwammige Programme der Bewusstwerdung irgendwie Herrschaftsstrukturen transformieren würden.
    Diese Politik unterstellt, dass demographische Kategorien widerspruchsfreie und homogene ‚communities‘ oder ‚Kulturen‘ sind. In Oakland haben Polizei, Politiker_innen, innerstädtische Businessunternehmer_innen und sogar viele ‚progressive‘ Aktivist_innen Versionen von ‚community‘ mit radikal konservativem politischem Inhalt angepriesen.“

     

    Nebenbemerkung:

    „Versionen von ‚community‘ mit radikal konservativem politischem Inhalt“ – das kann m.E. (abgesehen von unserem hiesigen Thema) gleich auch noch auf eine bestimmte Art von Kiez-Kult und verkürzter, pseudo-antikapitalistischer Gentrifizierungs-Kritik gemünzt werden.

    [PS.: Auf den anderen Diskussionsstrang (Standpunkttheorien, DefaMa) komme ich morgen zurück.]

    [1] S. dazu: http://theoriealspraxis.blogsport.de/index.php?s=Meulenbelt+Foucault#fn1

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